Welt-Tuberkulose-Tag 2015: Stimmen aus der deutschen Politik

Der Welt-Tuberkulose-Tag 2015 findet auch Widerhall in der deutschen Politik. Gefordert werden u.a. größeres Engagement gegen TB, besserer Zugang zu medizinischer Versorgung, sowohl national als auch international, und neue Impulse im Bereich Forschung und Entwicklung. Eine Auswahl von Stimmen zum Thema:

Op-Ed – Dr. Georg Kippels (MdB CDU/CSU) und Nick Herbert (MP UK & stellvertretender Vorsitzender der APPG TB UK)

Es gibt Krisen, die so schrecklich und akut sind, dass sie unverzüglich unsere Aufmerksamkeit erfordern: Der Ausbruch einer tödlichen Krankheit, die eine ganze Region ins Chaos stürzt, oder eine Naturkatastrophe, die Zehntausende Menschen verzweifelt und mittellos zurücklässt. Und es gibt Krisen, an die sich die Welt längst gewöhnt hat. Zu letzteren gehört tragischerweise die Tuberkulose-Epidemie, der weltweit noch immer 1,5 Millionen Menschen jährlich zum Opfer fallen.

In der westlichen Welt kannte man Tuberkulose einst nur zu gut. Tuberkulose war allgegenwärtig und um 1900 verantwortlich für ein Viertel der Todesfälle in Europa und den Vereinigten Staaten. 1915 starben knapp 100.000 Menschen an ihr in Deutschland und sie forderte so bekannte Opfer wie Friedrich Schiller oder Franz Kafka. Mit der Entdeckung des Tuberkuloseerregers durch Robert Koch im Jahre 1882 wurde der Schrecken greifbar und alles an seine Bekämpfung gesetzt.

Heute dagegen ist TB eine vergessene Krankheit. Zu viele Menschen im Westen glauben, die Schlacht gegen TB sei bereits gewonnen, aber in großen Teilen der Welt tobt sie auch heute noch. Ein Impfstoff, von dessen Wirksamkeit man weithin überzeugt war, bietet tatsächlich nur geringen Schutz. Zwischenzeitlich hat sich die Krankheit zu einer neuen Bedrohung entwickelt. Das goldene Zeitalter der Antibiotika ist vorbei. Es haben sich arzneimittelresistente Erregerstämme der Krankheit entwickelt, deren Behandlung praktisch unmöglich ist. Nur die Hälfte aller Patienten mit einer medikamentenresistenten TB-Erkrankung kann heute erfolgreich behandelt werden.

Vor 22 Jahren erklärte die WHO TB zu einer „globalen Gesundheitskrise“, aber die Welt hat daraufhin nicht ausreichend Kräfte mobilisiert. Seither sind fast 30 Millionen Menschen an der Krankheit gestorben. Es hat zwar Fortschritte gegeben, aber beim derzeitigen Tempo der Abnahme der Zahl der Erkrankungen wird TB noch für weitere zweihundert Jahre eine Bedrohung der öffentlichen Gesundheit darstellen.

Aufrufe, den weltweiten Kampf gegen TB zu intensivieren, wurden in erster Linie von den BRICS-Staaten und insbesondere vom engagierten Gesundheitsminister Südafrikas Dr. Aaron Motsoaledi gestartet. Als eines der Länder mit der höchsten Zahl von TB-Erkrankungen hat Südafrika weltweit eine der größten Diagnose- und Behandlungskampagnen angestoßen und damit gezeigt, was getan werden kann. Die aktuelle Herausforderung besteht darin, diesen Erfolg weltweit zu wiederholen.

Wir sind der Auffassung, dass bei dieser Aufgabe den Parlamentariern eine entscheidende Rolle zukommt. Deshalb sind wir beide dem Global TB Caucus beigetreten. Dieses Netzwerk von Parlamentariern aus der ganzen Welt traf sich erstmals Ende vergangenen Jahres in Barcelona. Dort wurde eine Erklärung verabschiedet, die sich für eine Welt ohne Tuberkulose einsetzt.

Der Global TB Caucus wurde zu einer Zeit ins Leben gerufen, in der die Welt vor der Entscheidung steht, entweder die gängigen Behandlungsmaßnahmen schnellstens auszuweiten und in die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden zu investieren – ein Weg, der nach Einschätzung der WHO innerhalb einer Generation zur Ausrottung der Tuberkulose führen könnte – oder weiterzumachen wie bisher und zuzuschauen, wie in den nächsten Jahren Millionen von Menschen sterben, und zu riskieren, dass Arzneimittelresistenzen explosionsartig zunehmen und gegebenenfalls jeglichen Fortschritt zunichtemachen.

Die heute veröffentlichten Zahlen unterstreichen das Ausmaß der Katastrophe, zu der es kommen könnte, wenn der Ausbreitung der arzneimittelresistenten Tuberkulose nicht entschieden entgegengetreten wird. Die Folgen für die Wirtschaft könnten sich auf etliche Billionen Dollar belaufen. Die Krankheit könnte Dutzende Millionen Menschen das Leben kosten und darüber hinaus die Gesundheit und das Wohlbefinden von Hunderten Millionen Menschen bedrohen. Tuberkulose, die Krankheit, die in der Geschichte der Menschheit mehr Opfer gefordert hat als jede andere Krankheit, ist alles andere als ein Problem der Vergangenheit. Sie ist eine Bedrohung in Gegenwart und Zukunft. Deshalb müssen wir jetzt handeln.

Pressemitteilung – SPD-Bundestagsfraktion

Zum Welttuberkulosetag am 24. März 2015 muss daran erinnert werden, dass die meisten Opfer in Afrika, Süd-Ost-Asien und im Westpazifik zu finden sind. Ein freier und bezahlbarer Zugang zu Diagnostik, Impfstoffen und Medikamenten muss erreicht werden.

„Die Tuberkulose ist nach wie vor eine gefährliche und hochansteckende Krankheit. Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkrankten 2013 weltweit neun Millionen Menschen an Tuberkulose, davon verstarben 1,5 Millionen. Damit stellt die Tuberkulose unter den behandelbaren Krankheiten die häufigste mit tödlichem Ausgang dar.

Die Entwicklung neuer Medikamente und Impfstoffe spielt im Kampf gegen die Tuberkulose eine tragende Rolle. Die Behandlung ist sehr aufwendig und gestaltet sich zunehmend schwieriger. Vor allem das vermehrte Auftreten multiresistenter Formen in Deutschland und in Europa stellt uns vor große Herausforderungen.

Besonders betroffen von der Infektionskrankheit sind die Menschen in Südostasien, der Westpazifikregion und Afrika. In Indien und China infizieren sich jedes Jahr drei Millionen Menschen neu mit Tuberkulose. Bedingt durch die hohe Rate an HIV/Aids-Kranken mit besonders geschwächtem Immunsystem findet Tuberkulose dort zahlreiche Opfer.

In Schwellen- und Entwicklungsländern ist der Zugang zu Diagnostik und Therapie nicht ausreichend gewährleistet. Die WHO geht davon aus, dass jährlich drei Millionen Tuberkulose-Patienten unzureichenden Zugang zu medizinischer Versorgung haben und ihre Erkrankung nicht diagnostiziert bzw. nicht oder nur ungenügend therapiert wird.

Hier muss dringend Abhilfe geschaffen werden. Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung und die Eindämmung der Erkrankung ist und bleibt ein freier Zugang zu bezahlbaren Medikamenten und die Entwicklung finanzierbarer Impfstoffe.“

Pressemitteilung – Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen

Die Bundesregierung muss eine kohärente Strategie zur Reduzierung der Tuberkulose vorlegen – sowohl für die Forschung als auch in der Gesundheits-, Sozial- und Entwicklungspolitik. Diese ist trotz großer Ankündigungen zur G7-Präsidentschaft leider bisher immer noch nicht zu erkennen. Weiteres Abwarten dient nur den multiresistenten Erregern.

Die Tuberkulose ist weltweit, aber auch in Deutschland, ein Problem. Es entwickeln sich immer mehr resistente Formen. Die Forschung für neue Medikamente ist nur unzureichend. Auch in Deutschland mangelt es an einer ausreichenden Infrastruktur, um die am meisten betroffenen Personengruppen durch Prävention und Behandlung zu erreichen: Schon der Öffentliche Gesundheitsdienst ist oft nicht ausreichend ausgestattet. Gefordert ist daher die Abstimmung mit internationalen Aktivitäten, aber auch eine nationale Strategie.

Besorgniserregend ist vor allem die steigende Rate der multiresistenten Tuberkulosebakterien – auch in Deutschland. Wie aus dem Tuberkulosebericht des Robert-Koch-Instituts deutlich wird, sind auch hier vor allem sozial benachteiligte Gruppen gefährdet. Wegen Mobilität und Zuwanderung bleibt diese Krankheit eine (sozial)medizinische, gesellschaftliche und globale Herausforderung, der wir uns endlich entschieden stellen müssen. Hier ist von der deutschen G7-Präsidentschaft ein deutliches Zeichen erforderlich.

Weltweit werden immer noch zu viele Tuberkulose-Fälle nicht diagnostiziert oder nicht angemessen behandelt. Letzteres führt zur Ausbreitung der multiresistenten Tuberkulose. Die Welt-Gesundheitsorganisation sieht darin eine ernste Gefahr für die öffentliche Gesundheit. Die Behandlung der multiresistenten TB 10 ist bis 15 Mal teurer. Es fehlt schlicht an wirksamen, gut verträglichen Medikamenten. Umso erstaunlicher sind unter diesem Aspekt die weltweit sinkenden Forschungsausgaben zur Bekämpfung der TB.